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Fakten zum Thema Kinderehen

Richterhammer, Gesetzbuch
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Wenn patriarchalische Gesellschaftsformen auf die deutsche Lebensweise treffen – zu den Herausforderungen der Integration

Nachdem das Bundesinnenminsterium aktuelle Zahlen zu der Anzahl von Kinderehen in Deutschland veröffentlicht hat, ist die Diskussion eröffnet.

Die Zahlen des Innenministeriums liefern erstmals eine Annäherung, wie viele Kinderehen es in Deutschland tatsächlich gibt, und sind eine Antwort auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen. Demnach waren zum 31. Juli 1.475 minderjährige Ausländer, davon 1.152 Mädchen (76,27%), im deutschen Ausländerzentralregister als „verheiratet“ eingetragen. Die größte Gruppe der minderjährig Verheirateten kommt laut Innenministerium aus Syrien (664). Viele verheiratete Kinder stammen auch aus Afghanistan (157), dem Irak (100), Bulgarien (65), Polen (41), Rumänien (33) und Griechenland (32). Die Aufschlüsselung nach Alter zeigt: 994 Verheiratete sind 16 oder 17 Jahre alt, 120 Betroffene 14 oder 15 Jahre alt. 361 sind jünger als 14 Jahre (24,47%).

„Es hängt meistens ab von streng patriarchalisch geprägten Lebensformen in Großfamilienverbänden. Wir finden das nicht nur in bestimmten muslimischen Milieus oder bei Jesiden im Irak, sondern auch bei Roma auf dem Balkan. Im hinduistischen Indien haben wir das Problem genauso, und zwar massiv“, so Mathias Rohe, Direktor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa, im Interview auf Qantara.de. „[…] kulturelle patriarchalische Prägungen in Verbindung mit den entsprechenden Lebensverhältnissen“ führten vermehrt in jenen Regionen zu Eheschließungen mit Minderjährigen. Die Faktoren Armut und Bildung sind dabei groß.

In Deutschland stoßen jene Kinderehen in der Gesellschaft auf Ablehnung und – juristisch gesehen – auf Schranken oder zum Teil strafrechtliche Verfolgung, dann wenn ein Kind unter 14 Jahren alt ist. Was ist in Deutschland nötig? „Wir brauchen Hilfs- und Aufnahmeeinrichtungen und müssen die Menschen informieren über die Gründe, warum wir uns hier für sie interessieren und uns einmischen“, erläutert Mathias Rohe, der für eine klare rechtliche Regelung für Deutschland plädiert. „Dass wir das nicht tun, um die Leute zu drangsalieren, sondern, um strukturelle Schwächepositionen auszugleichen. Familienregeln – das ist ein Teil des Problems – werden oft als reine Privatsache angesehen, in die sich der Staat nicht einmischt.“

 

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