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Interview mit Dr. Hüseyin Çiçek: Integration bringt Konflikte

Quelle: Voralberger Nachrichten

Dr. Hüseyin Çiçek, Politikwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am EZIRE, definiert Diskussionen in einem Interview mit den Voralberger Nachrichten als Ausdruck erfolgreicher Teilhabe an der Gesellschaft.  Integration bedeute nicht, in Harmonie zusammenzuleben – im Gegenteil.

Viele Teile der türkischen Gesellschaft in Vorarlberg seien schon gut integriert und nähmen am Leben teil, so Çiçek im VN-Interview. Vor allem Vereine spielten grundsätzlich in allen Einwanderungsgruppen eine wichtige Rolle, da sie ein Stück Heimat seien und die Möglichkeit böten, mit Gleichgesinnten aus dem Heimatland zusammen zu kommen. Türkische Vereine hätten verschiedene gesellschaftliche und politische Aufgaben übernommen und seien zudem das Sprachrohr gewisser Teile der türkischen Einwanderungsgesellschaft. Neben vielen religiösen Vereinen gebe es auch einzelne, die politisch ideologisch ausgerichtet seien.

Sowohl in Gemeinden als auch auf Landesebene säßen Mitglieder der Vereine in verschiedenen Integrationsplattformen, so Çiçek. Sie versuchten, die Interessen ihres Vereins zu vertreten, aber auch zwischen Vereinsmitgliedern und Politikern der Mehrheitsgesellschaft zu vermitteln – Vertreter beider Seiten könnten entweder zum Brandbeschleuniger werden oder Konflikte eindämmen. Ein Thema, das zum Beispiel derzeit in der Community diskutiert werde, sei die doppelte Staatsbürgerschaft. Während Österreich bei Südtirolern kein Problem hätte, wird in der türkischen Einwanderungsgesellschaft heftig debattiert, weshalb das nicht auch für sie gelte. Manche meinen, dass die Türken im Land nicht akzeptiert würden, egal was sie täten. Andere versuchten die Wogen zu glätten.

Durch große Teilnahme an der Gesellschaft sei die Einwanderungsgesellschaft sichtbarer geworden – der Dienstleistungssektor sei zum Beispiel sehr stark in der Hand von Einwanderungsgruppen. Das sei ein positiver Wandel, eine Vielfalt, durch die Themen zur Sprache kämen, die vor einigen Jahren nicht auf der Tagesordnung standen.

Für manche bedeute Integration immer noch, dass sich die Zuwanderer assimilieren, so Çiçek. Für Teile der anderen Seite heiße das,  man werde immer noch so angesehen, als wären man nicht so weit mitzusprechen. Das stimme natürlich nicht. Das Problem sei, dass man früher meinte, Integration führe zu Harmonie. Aber das Gegenteil sei der Fall, gelungene Integration führe dazu, dass man in Spannung zueinander stehe und man gewisse Entwicklungen kontrovers diskutieren könne.

Wenn mögliche neue, türkische Parteien sich innerhalb der Verfassung und der Gesellschaftsordnung bewegten sowie die Interessen der in Österreich lebenden Menschen vertreten, sehe Çiçek dies als Teil gelungener Integration. Wenn aber ein Verein oder eine Partei bei Vorfällen mit schwammigen Äußerungen daherkäme oder situationselastisch argumentiere, dann sei es ein Problem und man müsste genau hinschauen. Man habe sich in den letzten Jahren auf Sprache konzentriert, durch die Sprachförderung könnten viele an der Gesellschaft teilhaben, was wiederum nicht nur Harmonie hervorrufe: Wenn man Leute zu Emanzipation erziehe, vertreten sie ihre Meinung, diese Spannungen müssten ausgehalten werden. Um mit extremen Positionen umzugehen, müsse man wachsam sein und sich überlegen, mit wem man öffentlich auftrete und wen man in einen Integrationsbeirat einlade. Dazu müsse man sich in der Einwanderungsgesellschaft auskennen und die Sprache sprechen.